Nur 7 % der Franzosen werden jedes Jahr in Notfallmaßnahmen geschult. Ein Anteil, der mit mindestens drei multipliziert werden sollte, um zufriedenstellende Ergebnisse im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit zu erzielen. Dr. Pascal Cassan, stellvertretender nationaler Delegierter für Erste-Hilfe-Ausbildung beim Französischen Roten Kreuz, erläutert die Gründe für diese Verzögerung.

Wie werden Schulungen für die breite Öffentlichkeit beim Französischen Roten Kreuz organisiert?

Dr. Pascal Cassan: Das Französische Rote Kreuz verfügt über ein erhebliches Ausbildungspotenzial, das aus 3.000 freiwilligen Beobachtern besteht, die über das ganze Land verteilt sind und in 800 lokalen Komitees arbeiten.

Gestes d'urgences: le retard français

Für die Ausbildung der Monitore sind ca. 300 Instruktoren zuständig, die 50 Stunden Zusatzunterricht kostenlos erhalten. Ein nationales Ausbildungsteam, das ich leite und das aus rund dreißig Ärzten besteht, ist für die Kohärenz der wissenschaftlichen Inhalte der Ausbildung verantwortlich und beteiligt sich unter anderem an Diskussionen mit wissenschaftlichen Gremien und mit dem Innenministerium.

Im Gegensatz zu dem, was man sich vorstellen konnte, ist dieses Ministerium in Frankreich für die Erste Hilfe zuständig und nicht das für Gesundheit. Im Jahr 2000 wurden in Frankreich vom Roten Kreuz 100.000 Erste-Hilfe-Ausbildungszertifikate (AFPS) und 80.000 Erste-Hilfe-Einweisungen ausgestellt, was mehr als 3 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit entspricht.

Das Rote Kreuz hat vor kurzem eine große Informationskampagne gestartet, um die Franzosen und insbesondere die jungen Leute zu ermutigen, "die rettenden Gesten" zu lernen. Was war seine Wirkung?

Dr. Pascal Cassan: Diese Kampagne war ein unbestreitbarer Erfolg und nach der Fernsehwerbung im Herbst 2000 haben sich viele Leute bei uns gemeldet. Adriana Karembeu, der Botschafterin dieser Kampagne, ist das nicht fremd, denn sie ist nicht nur ein liebenswertes Topmodel. Sie war wirklich in diese Operation involviert. So zögerte sie beispielsweise nicht, nicht nur die Grundkurse des AFPS zu besuchen, sondern auch Ausbilderin beim Roten Kreuz zu werden. Das Buch, das wir auf "les gestes qui savvent" veröffentlicht haben, ist ein großer Erfolg, 70.000 Exemplare wurden verkauft. Dies beweist, dass wir die Bevölkerung weiterhin über dieses Thema informieren müssen.

Trotz allem werden jedes Jahr nur 300 bis 350.000 Franzosen in Notverfahren geschult. Dies ist zu wenig, und es wäre erforderlich, diese Zahl mindestens mit 3 zu multiplizieren, um zufriedenstellende Ergebnisse im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit zu erzielen.

Tatsächlich nähern wir uns lateinamerikanischen Ländern wie Italien oder Spanien, wo die Zahl der ausgebildeten Personen gering ist. Im englischsprachigen, deutschsprachigen oder skandinavischen Raum hingegen ist er oft relativ groß. Dies ist beispielsweise in Dänemark der Fall, wo 30 % der Bevölkerung in Notverfahren eingeleitet werden.

Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz zwischen süd- und nordeuropäischen Ländern?

Dr. Pascal Cassan: Zunächst einmal durch einen Unterschied in der Mentalität und Sensibilität für bürgerschaftliches Handeln, der in Frankreich wenig entwickelt ist. Wir sind es nicht gewohnt, etwas zu lernen, um andere zu retten.

Aber das Problem kommt auch vom Staat, der sich wenig Mühe gibt, die Dinge zu ändern. In Dänemark und Deutschland werden Bewerbern um einen Führerschein beispielsweise systematisch 8 Stunden Einführung in das Erste-Hilfe-Verhalten angeboten. In Deutschland erhalten Taxi- und Busfahrer zudem eine obligatorische 16-stündige Notfallschulung. In Dänemark und bei unseren Nachbarn jenseits des Rheins werden Kinder ab 5 Jahren über dieses Problem aufgeklärt. In diesem Alter begnügen wir uns damit, ihnen beizubringen, eine Notrufnummer zu erstellen und ihre Adresse anzugeben, dann wird nach und nach das AFPS-Programm gelehrt. Mit 7 lernen sie, einen bewusstlosen Klassenkameraden beiseite zu legen; im Alter von 8 Jahren, um Blutungen zu stoppen; im Alter von 10 Jahren, um eine Herzmassage durchzuführen.

Es ist bedauerlich, dass in Frankreich nichts dergleichen gemacht wird, da die Lehrer diese Art von Informationen durchaus an die Schüler weitergeben könnten.

Wie erklären Sie sich die Haltung des französischen Staates?

Dr. Pascal Cassan: Das hat zunächst einmal einen wirtschaftlichen Grund. Die Schulung aller Personen, die den Führerschein jedes Jahr ablegen, würde erhebliche Kosten verursachen.

Aber es ist auch ein Problem der Sensibilisierung, insbesondere in der Schule. Prof. Marc Gentilini, Präsident des Französischen Roten Kreuzes, intensivierte insbesondere die Kontakte zu den beiden zuständigen Ministern für Nationale Bildung und Verkehr, um die Situation im Bildungsumfeld und bei den Führerscheinbewerbern zu ändern.

Trotz allem geht es nach und nach voran. So hat beispielsweise das Europäische Parlament allen Straßenverkehrsfachleuten in den verschiedenen Mitgliedstaaten der Union empfohlen, ab 2003 eine Ausbildung in Erste-Hilfe-Maßnahmen zu absolvieren.